„Früher war alles besser.“
Diesen Satz sagte mein Onkel einmal zu mir. Ich fragte ihn daraufhin: „Wenn das so ist würdest du gerne, wenn es eine Zeitmaschine gäbe, 100 Jahre zurückreisen und dort für immer leben?“
Seine Antwort war ein klares “Nein”. Und genau darin liegt der Widerspruch, den Hans Rosling in seinem Buch “Factfulness” messerscharf analysiert.

Ein Test mit 13 Fragen – und einer deutlichen Erkenntnis
Gleich zu Beginn des Buches wartete ein simpler, aber entlarvender Test auf mich:
13 Fragen über den Zustand der Welt:
Bevölkerungsentwicklung, Armut, Bildung, Gesundheitsversorgung
Mein Ergebnis: 4 von 13 richtig. Der globale Durchschnitt liegt bei 3.
Erstaunlich fand ich dabei: Weder Bildungsgrad noch Herkunft oder Wohlstandsniveau entscheiden darüber, wie gut man abschneidet. Unsere Intuition führt uns fast systematisch in die Irre – unabhängig davon, wie informiert wir uns selbst einschätzen.
Populisten als Meister der kognitiven Verzerrung
Was mich beim Lesen besonders beschäftigte, war die Verbindung zu aktuellen politischen Entwicklungen. Es sind genau diese kognitiven Verzerrungen – oder wie Rosling sie nennt: Instinkte – die Populisten gezielt ansprechen, um Aufmerksamkeit zu erlangen. Vier Beispiele:
- Kluft-Instinkt: Die Welt wird in Extreme unterteilt – „die Armen“ vs. „die Reichen“, „wir“ vs. „die Anderen“. Die breite Mitte wird dabei ausgeblendet.
- Geradlinige Entwicklung: Populisten rechnen Entwicklungen hoch – als ob alle Trends linear verlaufen. Das klassische Beispiel: „Wenn jedes Jahr so viele Menschen einwandern, sind wir bald in der Minderheit.“
- Schuldzuweisung: Für jedes komplexe Problem wird ein klarer Schuldiger präsentiert. Differenzierung und Kontext fehlen dabei.
- Angst: Mit Bedrohungsszenarien wird nicht nur Aufmerksamkeit erzeugt – sondern auch Handlungsmacht legitimiert. Davon sehen wir aktuell täglich genügend.
Populisten agieren nicht faktenbasiert, sondern aufmerksamkeitsoptimiert. Sie sind, zugespitzt formuliert, die aggressivste Ausprägung der Aufmerksamkeitsökonomie.
Ein differenzierter Blick auf die Welt – mit vier Einkommensstufen
Factfulness räumt mit diesem alten Weltbild von „armen“ und „reichen“ Ländern auf. Stattdessen gibt es vier Einkommensstufen. Diese sagen mehr über die Lebenswirklichkeit aus als jede Landesgrenze, wie ich lernen durfte.
Auf der Plattform Dollar Street sieht man zudem anhand realer Fotos, wie Menschen auf jeder Stufe leben – weltweit. Und man erkennt schnell: Menschen auf Stufe 4 in einem Land auf einer niedrigeren Stufe leben ähnlich wie wir.
Ich begriff auch, die echten Fluchtbewegungen entstehen nur aus Stufe 1, also aus Gegenden mit existenzieller Perspektivlosigkeit.
Noch wichtiger ist aber: Über Landes- und Kulturgrenzen hinweg teilen Menschen dieselben Wünsche – Sicherheit, Gesundheit, Bildung und ein gutes Leben.
Das Buch bestätigt eine Beobachtung, die ich immer wieder auf meinen Reisen mache: Was uns eint, ist größer als das, was uns trennt.
Warum dieses Buch ein Augenöffner ist
Factfulness war für mich nicht nur eine erkenntnisreiche Lektüre – es war ein Reminder. Ein Reminder daran, wie wichtig es ist, sein eigenes Weltbild regelmäßig zu hinterfragen.
Es war zudem eine Einladung, wieder mehr auf Daten und Entwicklungen zu schauen – statt auf das laute Rauschen der täglichen Schreckensnachrichten.
Und es war eine eindrucksvolle Bestätigung dafür, wie leicht wir alle – bewusst oder unbewusst – den Mechanismen der Aufmerksamkeitsökonomie auf den Leim gehen können.
Fazit
Wer ein Update für sein Weltbild sucht, wer verstehen möchte, wie Wahrnehmung funktioniert – und wie sie manipuliert wird –, dem kann ich das Buch nur empfehlen.
Nicht nur, um Antworten zu finden. Sondern vor allem, um bessere Fragen zu stellen.

